Archiv 2009

Fachexkursionen 2010

 

Neue Architektur in Nürnberg

Wochenend-Exkursion
Gelegenheit zum Vergleich mit dem Leipziger Baugeschehen

Freitag, den 02. Juli 2010, ca. 16:00 Uhr
bis Sonntag, den 04. Juli 2010, ca. 22:00 Uhr;
ab Hauptbahnhof Leipzig.

Bereits die Bahnfahrt nach Nürnberg verlief planmäßig und auf reservierten Plätzen, wie es IngenierInnen gerne haben. Nach der Abfahrt des ICE 1213 um 16:16 Uhr auf Gl.11 erstattete jeder an Frau Christiansen seine 52,70€ hierfür. Nach in der Tat "planmäßiger" Ankunft in Nürnberg um 19:25 Uhr begaben wir uns in das nahegelegene "Lorenz Hotel Zentral" in der Pfannenschmiedsgasse 4-6 in der Altstadt. Zu einem moderaten Preis von 85,- € für das DZ pro Nacht) und 45,- € für das EZ inkl. langweiligem Frühstück, wurde uns, was das Gebäude betrifft, eine Zeitreise in die 1960er Jahre geboten. Ein Novum aber selbst für uns als Planer war, daß der uns irgendwie eigenartig erscheinende Eingangsbereich des Hotels sich am nächsten Morgen als ein Schuhgeschäft präsentierte. Unseren Augen konnten wir dabei wirklich trauen, denn am Vorabend gab es keine Gelegenheit, noch spät das örtliche Kneipen-Angebot zu studieren: In Nürnberg werden schon früh die Bürgersteige hochgeklappt - vermutlich zur Schonung verbliebener Wohnbevölkerung. Gut ausgeschlafen ging es also am Samstagmorgen über die hektisch belebte Fußgängerzone zunächst zu unserer ersten, eher kontemplativen Station:

Offene Kirche St. Klara
Frau Christiansen führte uns über einen seitlich neu angelegten, geneigt planen Vorplatz in die ehemalige Sakristei dieser kleinen gotischen Kirche, die stufenlos als ein Ruhepunkt im Alltag zugänglich ist. Durch eine in horizontalen Streifen vorder- oder rückseitig satinierte Ganzglastür gelangt man zunächst in einen ungewöhnlichen seitlichen Eingangsbereich mit einer alten Marienstatue vor einer neuen gerundeten, frei stehenden Wand aus massiv geschichtetem Glas und Holz.
Die 1270 begonnene Kirche eines Klarissenklosters war von jeher karg ausgestattet, Der Umbau im Zeitraum zwischen Oktober 2006 und Dezember 2007 unter der Regie der Architekten Brückner & Brückner aus Tirschenreuth (Kulturspeicher Würzburg) hat diese Kargheit im Kirchenschiff selbst durch die Beschränkung auf Putz und geleimtes Massivholz ganz bewußt noch verstärkt.
Dies geschah nach einer wechselvollen Geschichte: Sie war ab 1574 evangelische Predigtkirche; 1806 wurde sie profaniert; seit 1854 ist sie katholisch; nach dem 2. Weltkrieg wurde sie wiederaufgebaut, Seit 1979 gehört sie zum Rektorat der Jesuiten. Seit 1996 gibt es die Citiy-Seelsorge und ein zunehmend breit gefächertes geistliches und kulturelles Programm.
Das dem gegenwärtigen Zeitgeist entsprechende gestalterische Umbau-Konzept von anspruchsvoller Einfachheit überzeugte uns alle.
Nach einer Pause im an den ehemaligen Klosterhof erinnernden Wandelgang liefen wir anschließend durch die Südstadt zum einer neuen Stadtteil-Einrichtung für Bildung, Kultur: und Freizeit in der Pillenreuther Straße 147:

Madonna
vor der Glaswand

Wendeltreppe aus Vollholz
zur Empore

südpunkt:
Über das im August 2007 begonnene und im Januar 2009 eröffnete Gebäude der Architekten Kuntz + Manz aus Würzburg informierte uns Herr Christiansen. Hier sind auf einer Fläche von 5.300 m2 Besprechungsräume, Versammlungsräume, eine Stadtteilbibliothek und ein Café untergebracht. Das Projekt für 17 Mio. Euro wurde im Rahmen der Stadtentwicklung der Südstadt mit EU-Ziel-2-Mitteln gefördert. Neben städtischen Einrichtungen für die Unterstützung von Schulbildung, betrieblicher Bildung und Weiterbildung im Beruf und in der Freizeit befinden sich hier auch Treffpunkte von Vereinen, indesondere für MigrantInnen. Der Name "südpunkt" war 2006 in einer wissenschaftlichen Befragung gefunden worden.
Der viergeschossige, im Passivhausstandard u-förmig um einen Innenhof errichtete Neubau schließt lückenlos an zwei Seiten eines auf dem 2004 gekauften Grundstück vorhandenen denkmalgeschützten Wohngebäudes aus dem Jahre 1899 an, welches zu einer MAN-Arbeitersiedlung gehört hatte und immerhin nach dem Neubaustandard der Energieeinsparverordnung saniert werden konnte.
Ein ganzheitliches Energiekonzept hat die Umsetzung der anspruchsvollen energetischen Ziele gewährleistet. Es wurde vom Bayerischen Wirtschaftsministerium gefördert. Die grünlich transparente Kunststoff-Verkleidung der ganzen Fassade der Obergeschosse einschließlich der Fenster unterstreicht deren ökologischen Anspruch und entspricht der technischen Dichtheit der Gebäudehülle.
Mäßig begeistert fuhren wir mit der Straßenbahn zum Bahnhof zurück. Nicht unweit von hier befindet sich in einem Straßenblock an der Frauentormauer ein weiteres sehenswertes Bauwerk:

Vortrag vor der
wahrhaft grünen Fassade

völlig verglaste
Mehrzweckräume im EG

Das Neue Museum
Der Architekt Volker Staab, Berlin, hatte Ende 1991 noch während seiner Arbeit für das Kunstmuseum Bonn den Wettbewerb für dieses "Staatliche Museum für Kunst und Design" gewonnen. Das 100 Mio. DM teure Gebäude selbst wurde im September 1996 begonnen und im Oktober 1999 fertiggestellt (GF 5.500 m², BF 3.500 m², BGF 15.500 m², HNF 7.100 m² - , davon 3.150 m² Ausstellngsfläche -, BRI 82.300 m³).
Da der Entwurf nun schon bald zwei Jahrzehnte alt ist, hatte Herr Tuczek Mühe, bei den Anwesenden Begeisterung - wie noch im Jahr 2004 bei unserer Besichtigung der Sammlung Georg Schäfer in Schweinfurt vom gleichen Architekten vorhanden - bei der Erläuterung des Gebäudes vor Ort hervorzurufen. Mit ihrer leicht gekrümmten, 100m langen Glasfassade zu einem dabei neue gebildeten Platz im Block-Innenbereich und mit ihren Kopfgebäuden mit Sandstein-Verkleidung im Kontext des Blockrandes ist das Neue Museum aber ganz klar ein Klassiker der beginnenden 1990er Jahre. Wir umrundeten zunächst den Block durch die Königstraße und Luitpoldstraße, um die spannend verzerrte Spiegelung der Umgebung in der Glasoberfläche vom schmalen Hofdurchgang her zu erleben.
Im Inneren des Gebäudes entstand bei den Anwesenden der Eindruck von sehr viel Luftraum vom Keller bis unter das alles überspannende Dach, was nicht als beeindruckend, sondern eher als unzeitgemäß verschwenderisch angesehen wurde. In den luftigen Bereich hinter der Glasfassade sind verschiedene Baukörper eingestellt. Wir kauften zunächst unsere Eintrittskarten auf einer Plattform als Deckel eines Quaders für den Vortragssaal. Von da begaben wir uns in den zweigeschossigen Trakt für die beiden überschaubaren Sammlungen des Museums mit konventionellen Museumsräumen: Die Sammlung Kunst, ab 1950, die auf den Inhalt der städtischen Kunsthalle aus den 1960er Jahren zurückgeht, sowie die Sammlung Design, die von der Neuen Pinakothek in München mit Exponaten versorgt wird. Über der Foyers-Plattform befindet sich ein großer "white cube" für Wechselausstellungen, der gerade große Figuren aus Sätzen von vorgefertigten Kunststoff-Elementen enthielt. Nach der Anstrengung des Sammlungs-Besuchs relaxten die Einen von uns nörgelnd in den klobigen Sesseln des Foyers, während Andere in die Kunst-Buchandlung unter dem einen Kopfbau mit dem Institut für Kunst und Design und der Verwaltung fanden. Der Besuch des Cafés unter der bayern design gmbh im anderen Kopfbau gegenüber war auch während der Öffnungszeit des schwach besuchten Museums nicht möglich. Vielleicht hülfen mehr und wechselnde Exponate.

Zugang von der Luitpoldstraße:
Stadtbefestigung im Zerrspiegel

Blick auf die Treppe zu
Dauerausstellung und Sammlungen

Blick zu einem Kopfbau
mit Arkade im EG
So aber blieb Zeit für ein Public-Viewing-Event in der Südstadt am Nachmittag. Dank der danach allgemein guten Stimmung in der Stadt konnten wir diesmal sogar spät abends noch in der Königstraße durchsetzen, bewirtet zu werden.
Am Sonntag verschlechterte sich, passend zur Umgebung, allerdings das Wetter. Mit der Straßenbahn fuhren wir, vorbei an der Bundesagentur für Arbeit, zum Reichparteitaggelände, um uns in der heutigen Bayernstraße 100 ein sehr interessantes Bauwerk anzusehen:

Dokumentationszentrum Reichsparteitaggelände
Das im November 2001 eröffnete, für 11 Mio. Euro gebaute Dokumentationszentrum befindet sich in dem um einen länglich rechteckigen Hof angelegten rechten Nordflügel der von den Nationalsozialisten für 50.000 Menschen konzipierten, ohne Dach und Tribünen gebliebenen Kongreßhalle. Vor dem Eingang informierte uns Herr Beermann über den Bau:
Der Architekt Günther Domenig aus Graz als Gewinner des von der Stadt Nürnberg ausgelobten beschränkten Architektenwettbewerbs 1998 schrieb dazu: "Die Ideologie wird in der Architektur sichtbar und körperlich spürbar gemacht in der strengen Achsialität, Material und Dimension - gebaute Demonstration des Machtanspruchs. Die Haltung des Entwurfskonzeptes besteht in der Verletzung dieses monumentalen Bestandes. Ein "Speer" aus Glas und Stahl schafft räumliche Einblicke mit der gebotenen Distanz zu den fremden Dimensionen". Oder noch deutlicher "Bei der Begehung überfiel mich Eiseskälte. Der Staub der Toten in den Innenräumen und die architektonische Übersetzung der Macht - es gab nur rechte Winkel und Achsen. Diese Macht wollte ich zerstören."
Der "Speer" oder "Pfahl" durchbohrt gleichsam die meterdicken Ziegelwände und bricht die Axialität, Er setzt auch außen ein weithin sichtbares architektonisches Zeichen, gegen die schiere Größe des massiven NS-Rudiments. Als leicht ansteigender Gang von fast 130m Länge verbindet er die Teilbereiche der immerhin noch 1.300 m² großen Dauerausstellung "Faszination und Gewalt" über die NS-Zeit insbesondere in Nürnberg und den Umgang damit danach.
In Seminarräumen des zusätzlichen Studienforums in einer Aluminiumhülle auf dem Dach der Bauruine bieten die Museen der Stadt Nürnberg gemeinsam mit Partnern ein pädagogisches Programm für Schulklassen, Jugend- und Erwachsenengruppen an.
Das sauber angschnittene Mauerwerk kontrastiert mit dem leichten Stahl und Glas. Ansonsten bleibt die halbfertige und ruinöse Beton- und Ziegelstruktur erhalten und bildet den Hintergrund für auf Abstand montierte Ausstellungstafeln und für Exponate.

Ohrenbetäubenden Lärm eines Oldtimer-Rennens während unseres Besichtigung und des Rundgangs danach um den anschließenden See unterstrich die Absurdität des Ortes. Glücklich, bei gleichzeitig sich wieder aufhellendem Wetter wieder am Bahnhof angekommen zu sein, erkundeten wir gemeinsam nachmittags noch die Altstadt bis zur Kaiserburg und zurück, um dann pünktlich am ICE 1502 zu sein, der aber gegenüber der Abfahrt um 18:33 Uhr eine halbe Stunde Verspätung hatte, so daß wir erst um 22 Uhr wieder in Leipzig waren, dessen Vorzüge uns einmal mehr klargeworden waren.

Die "Speerspitze"

Blick von Innen zur Spitze

Blick vom Innenhof des
Nordflügels in Richtung Eingang

Die "Kongresshalle"
vom See aus

Barrierefreier Badessteg, Cospudener See

Kurz-Exkursion - Dabeisein beim offiziellen "Anbaden"

Mittwoch, den 23. Juni 2010, 14:00 Uhr,
etwa einstündige Veranstaltung,
Cospudener See, Pier 6

Die 47 Meter lange und 2,5 Meter breite Stahlrampe für RollstuhlfaherInnen ist eine Neuentwicklung, weil europaweit kaum Vorbilder vorhanden waren. André Mehnert vom beauftragten Planungsbüro MLW Ingenieure Leipzig erklärte es in ingenieurtechnischer Hinsicht. Die Neigung des Stegs mußte so berechnet und der Belag so ausgewählt werden, daß er von Menschen mit Behinderungen auch ohne Hilfe gefahrlos benutzt werden kann. Die Planung war deshalb fortlaufend mit der städtischen Beauftragten für Menschen mit Behinderungen und mit den Vertretern des Behindertenverbandes Leipzig e.V. abgestimmt worden. Dessen Geschäftsführer sagte, eine ähnliche Möglichkeit gebe es erst wieder in München. Ein Novum am Cospudener See sei, daß über den Steg eine Wassertiefe von 1,10 Metern erreicht werden kann. Vom Sandstrand aus führt der der Steg als Rampe bis ins Wasser hinein, so daß auf speziellen Rollstühlen bis ca. 1,10 Meter unter die Wasseroberfläche gerollt werden kann und dann durch den Auftrieb des Wassers die Möglichkeit besteht, zu schwimmen. Hierfür können die Rollstühle arretiert und geparkt werden. In Haltebuchten auf halber Strecke kann auch im Rollstuhl sitzen bleibend das Wasser erlebt werden.
So ermöglicht die Anlage eine bessere Teilhabe von mobilitätseingeschränkten Mitbürgern am gesellschaftlichen Leben. Endlich ist der Zugang zum See von seiner Umgebung her barrierefrei. Dies war eine Auflage für die Baugenehmigung im Expo-Jahr 2000 gewesen, die wegen fehlender Geldmittel erst mehr als 10 Jahre später erfüllt wurde.
Dier Besichtigung mitten in der Woche war Teil der Veranstaltungsreihe "Architektursommer Sachsen 2010 – Architektur ans Wasser".

Herr Mehnert im Interview

Eignung auch für Fußgänger

Umbau und Erweiterung Bach-Museum, Leipzig

Exkursion mit hochbaulichen und landschaftsarchitektonischen Schwerpunkten
Freitag, den 04. Juni 2010, 16.00 Uhr,
Thomaskirchhof 15/16, 04109 Leipzig

Unmittelbar gegenüber der ehemaligen Wirkungsstätte Johann Sebastian Bachs, der Thomaskirche, befindet sich im Haus der mit der Famile Bach befreundet gewesenen Kaufmannsfamilie Bose der Sitz des Bach-Archives Leipzig.
Erst kürzlich ist nicht nur das historische Gebäudeensemble saniert worden. Um die kostbaren Originaldokumente dem Publikum zugänglich zu machen, ist auch ein Erweiterungsbau mit optimalen museologischen Bedingungen errichtet worden. So ist durch die Architekten Gregor Fuchshuber & Partner, Leipzig, in moderner Architektursprache ein spannungsvoller Gegenpol zur barocken Architektur geschaffen worden.
Im gleichen Zuge ist hinter dem Bosehaus ein Geviert in der Größe der Innenhöfe von dem Leipziger Büro GFSL Clausen + Scheil als Lustgarten angelegt worden. Dieses kleine Schmuckstück zeigt eine moderne Adaption klassischer Gartenelemente.
Die Führung wurde begleitet von Herrn Dr. Schwerdtfeger, Geschäftsführer des Bacharchivs.